Tanzende Schmetterlinge gegen Erschöpfung
- Evelyn Bierbach

- vor 11 Minuten
- 2 Min. Lesezeit
Ein Plädoyer für die Achtsamkeit. Oder stimmt da was nicht?
„Achtsam geht die Welt zugrunde“ schreibt die Philosophin Kathrin Fischer in ihrem neuen Buch und diskutiert es mit Barbara Bleisch im Podcast „Sternstunden der Philosophie“. Ein Titel, der mich sofort aufhören ließ, mich förmlich hinein zog. Vielleicht weil ich, auch Yoga und Positive Psychologie unterrichtend, aus „der Branche“ komme. Vielleicht weil ich mich selbst in Achtsamkeit und Meditation übe. Vielleicht weil sich in mir selbst der ein oder andere Zweifel breit gemacht hat? In jedem Fall ist es ein Buch zum Sich-Reiben, Sich-Hinterfragen, Strömungen genauer zu betrachten, in die gesellschaftliche Ebene zu denken.
Reibt sie sich zu Recht? Können wir Erschöpfung, die institutionelle Ursachen hat, weg-meditieren oder durch noch mehr individuelle Achtsamkeits- und Resilienz-Trainings wirklich transformative heilen?
Wie vieles in meinem bisherigen Erfahrungs-Leben gibt es zwei Seiten einer Medaille. Ja, es gibt einen Achtsamkeits-Boom der benutzt wird, der ein großer Wirtschaftsfaktor ist. Ja, es gibt die Gefahr, noch mehr Missstände in Gelassenheit, resilient und lächelnd auszuhalten. Was Kathrin Fischer in ihrem Buch fordert, ist statt Gelassenheit mehr Wut zuzulassen. Wut im Sinne von Veränderungskraft. Wut, so sage ich es, im Sinne von Mut. Dem Mut tätig zu werden, Veränderungsbedarf anzusprechen, dafür zu kämpfen, sich einzusetzen, gesellschaftlich mitzuwirken. Sei es in Stadtversammlungen, sei es mit Briefen, sei es durch Artikel oder in Organisationen.
Und dennoch. In einer Diskussion mit meinem Freund zu Kathrin Fischers Buch soeben, sehe ich in einer Redepause eine Libelle, die am Nektar zieht, schwirrt und wunderschön aussieht. Gleichzeitig tanzt ein Schmetterlingspaar umeinander in der Abendluft und mein Gesicht entspannt sich, ein Lächeln macht sich breit und ich merke wie sich meine Seele erholt. Ich realisiere, beides ist wichtig. Politische und gesellschaftliche Verantwortung einzufordern und/oder mit zu übernehmen und sich dann auch wieder Inseln der seelischen Entspannung zu schaffen. Den Augenblick des Schönen nicht zu verpassen. Das klar werden durch die Stille, das Sortieren trägt dann auch dazu bei in die Wirksamkeit zu kommen.
Das Eine schließt also das Andere nicht aus. Es ist gut in beidem beheimatet zu sein.
Mein gesellschaftlicher Beitrag drückt sich momentan in der ehrenamtlichen Mit-Gründung eines RealLabors Bildung in Erfurt aus. Wir sind drei wunderbare Frauen, die erfahren haben, sehen und hören wie es Lehrkräften und Schüler*innen in Deutschland geht. Wir wollen ein Ort sein, in dem Ärger und Wut und ebenso Lösungen und Referenzen für gute Schule Platz haben. Wir wollen ein Ort sein, wo Bildungsbeteiligte Gehör finden. Wir wollen ein Ort der Inspiration sein, der Erholung, des Spiels, der Ernsthaftigkeit und der Unterstützung. Wir wollen bildungspolitisch wirken und auch gut für uns selbst sorgen.
P.S.: Herzliche Einlandung - am 20. August zwischen 14:00 und 16:30 eröffnen wir unser RealLabor Bildung (via Trägerwerk Soziale Dienste) und präsentieren uns im Rathaus-Kulturlädchen in Erfurt. Kommt vorbei und lasst uns uns austauschen und vernetzen und Teil einer bildungstransformatorischen Bewegung sein.




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