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Weich ist stärker als Hart, Wasser stärker als Fels, Liebe stärker als Gewalt.

  • Autorenbild: Evelyn Bierbach
    Evelyn Bierbach
  • vor 12 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

Dieses Zitat von Hermann Hesse regte mich an, mich dem Thema Gewalt einmal philosophisch zuzuwenden. Immer wieder beschäftige ich mich mit der alten und dennoch immer noch aktuellen und höchst spannenden Yoga-Philosophie. Eine Quelle sind die „Yogasutren“ von Patanjali, ca. 2000 Jahre alt. Patanjali beschrieb, wie Leid entsteht, wie es vermieden werden und wie man diesem begegnen kann. 

Sein achtfacher Weg heraus dem Leid ist ein systematischer Weg, einer, der auch soziale und Ethikregeln, die Yamas und Niyamas enthält. Dazu hier ein kleiner Überblick: 


Empfehlungen für den Umgang mit der Umwelt, den Mitmenschen, eine Art soziale Regeln, sind: 

  • gewaltfrei und mitfühlend zu handeln, nicht zu verletzen (ahimsa)

  • nicht zu lügen, wahrhaftig und authentisch zu sein (satya)

  • nicht zu stehlen, ehrlich zu sein und sich nicht mit fremden Federn zu schmücken (asteya

  • sich nicht von Sinnesfreuden vom spirituellen Weg ablenken zu lassen (brahmacharya), was auch für Selbstbeherrschung steht, ähnlich wie in den sieben „Todsünden“ Völlerei benannt wird

  • Anspruchslosigkeit, sein Verlangen im Zaum zu halten (aparigraha)


Die ethischen Verhaltensgebote im Umgang mit dem Selbst werden als eine Art innere Disziplin beschrieben. Man solle:

  • innere und äußere Reinheit pflegen (sauca)

  • Zufriedenheit kultivieren (samtosha)

  • sein inneres Feuer entfachen, Willenskraft und Selbstbeherrschung einüben (tapah)

  • sich immer wieder selbst reflektieren um seine wahre Natur zu finden (svadhyaya) und

  • Vertrauen in höhere Kräfte entwickeln, sich dem Göttlichen hingeben (ishvarapranidhana)


Mich sprechen davon auch noch heute viele Sutren an. Sie inspirieren das eigene Leben zu reflektieren, sich selbst a la svadhyaya zu reflektieren. 

Das Interessante im Yoga ist, dass man da auf der Matte fürs Leben übt. Wie ich da praktiziere verrät eine Menge über mich. Quäle ich mich in den / in die Asanas, werde ich verbissen und lande im Schmerz, dann wäre das das Gegenteil von Ahimsa. Man wird immer wieder eingeladen, friedvoll und selbstfreundlich zu praktizieren.


Ahimsa schaut auf uns selbst und besonders aber auch auf unser Tun im Außen. Selbstreflexionsfragen könnten heißen: Wo darf ich friedvoller agieren? Wo tue ich mir selbst Gewalt an indem ich Psycho-Thriller schauen, Fastfood esse oder meine Energiegrenzen überschreite? Wann verletze ich andere durch meine Worte oder Abwertungen? Oder die Umwelt, indem ich Dinge nicht verhindere, die ihr schaden?


Das Außen, die Weltsituation ist momentan wieder einmal so voller furchtbarer Gewalt. Hat das jemals ein Ende? Können wir durch unser eigenes friedfertiges Tun das große Weltgeschehen verändern? Ja, klar, wenn immer mehr Menschen die Idee von ahimsa in sich tragen würden…. Die Realität zeigt uns, das das wohl noch lange braucht. Dennoch mag ich nicht aufgeben das zu leben was ich gerne in der Welt sehen würde. Frieden. Im Innen und Außen.


Wenn man in den Kontext der Zeit, des Ursprungs der Sutren schaut, war ahimsa noch viel vollumfänglicher gemeint, schauen wir auch da einmal hin. Martin Henninger, Religionswissenschaftler, Indologe, Philosoph und Sanskritgelehrter, verortet die Yogasutren in den Jainismus. Er beschreibt, dass sich diese Regeln ausschließlich an Asketen, Mönche und Menschen, die in bewusster Armut und Enthaltsamkeit leben wollen, wendete. Diese Menschen hatten sich bewusst aus dem weltlichen Leben zurückgezogen.

Und genau hier beginnt der Konflikt für uns, für Menschen, die mitten im Leben stehen und einen Alltag bewältigen müssen. Für uns waren diese Regeln schlichtweg nicht konzipiert. Ahimsa als Gewaltfreiheit wirklich ernst zu nehmen hieße, wir könnten heute kaum noch handeln ohne irgendwie Leben, Natur oder andere zu verletzen. Das fängt beim Tiere essen an, geht über Auto fahren weiter und endet nicht nur beim Konsum ansich und den daraus resultierenden Müllbergen. So entsteht eine innere Ambivalenz zwischen dem was gewaltfrei meint und wie wir wirklich leben. Das stresst unterbewusst und bewusst ungemein.


Heißt das dann aber, dass die Sutren heute keine Rolle mehr spielen oder dass ich mich mehr und mehr disziplinieren muss? 


Ich selbst denke, sie sind immer noch ein "außerordentlich durchdachtes, hochpräzises und schlüssiges philosophisches System", wie es auch Martin Henninger ausdrückt. In der Gestaltung des Lebens in unserer Welt, dürfen wir uns anregen lassen, klug abschätzen wo wir und was wir aus den Sutren für uns verfeinern wollen und auch welcher Aspekt zum weltlichen Dasein für uns nicht passt. Würden wir aparigraha, wie es damals gemeint war, wirklich leben wollen, würde das nicht nur als Anspruchslosigkeit wirken, sondern es würde heißen, sich wirklich von materiellen Besitztümern zu trennen, von emotionalen Bindungen, von Gedanken, vom Tun. Es würde Nichtbeschäftigung empfehlen und in Armut zu leben. Das ist für uns völlig weltfremd. Aber der Aspekt, das Verlangen nach immer mehr, im Zaum zu halten kann auch heute befreiend sein. Nichts zu besitzen ist für mich keine Option. Aber Ausmisten, zum Flohmarkt bringen und nicht gleich wieder mit Neuem auffüllen kann sich unglaublich gut anfühlen. Das habe ich durch einen partiellen kompletten Aus- und wieder Einzug (zwecks Sanierung) aus meiner Wohnung gerade erst erleben dürfen. Weniger zu haben ist bei mir jetzt immer noch genügend zu haben.


Am Ende dürfen die Yogasutren unser Bewusstsein für das was wir tun schärfen. Dient es dem Leben und der Umwelt oder zerstört es? So können sie uns heute dennoch Halt und Haltung sein. 


Übrigens - das zu Ahimsa zugeordnete Tier ist die heilige Kuh. Dazu gibt es im Yoga (ausser im Vierfüßlerstand der Kuhrücken) nicht wirklich eine Asana;)


Ich grüße aus meinem friedlichen Garten.


 

 
 
 

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